Wohnraum wird knapp

Wohnraum wird knappEin Amt in Erlangen gibt Wohnungslosen ihre Würde zurück
2018 werden in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen ohne Bleibe sein, schätzt die Bundesarbeitsge-meinschaft Wohnungslosenhilfe. Hinzu kommen zahlreiche verdeckte Obdachlose, die zumindest vorübergehend irgendwo untergekommen sind: vor allem junge Leute und Frauen mit Kindern. Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, sind nicht zu vergleichen mit denen, die das Leben auf der Straße für sich gewählt haben. Und von denen es in Erlangen laut des Vereins Obdachlosenhilfe höchstens noch eine Handvoll gibt.

„Wir versuchen zu retten was zu retten ist!“
Erlangen scheint überhaupt mit seiner Zahl von 320 Menschen, die in Notwohnungen leben, gut bedient zu sein. Und trotzdem sind es 320 Schicksale. Denn auch, wenn man glauben mag, man selbst würde nie in so eine Lage kommen – das kann schneller gehen als man denkt. Trennung, Tod des Partners, Krankheit, Verlust der Arbeit, eine zu geringe Rente kombiniert mit der einen oder anderen unvorhergesehenen Ausgabe und schon scheint die Situation ausweglos. Die Miete ist im Rückstand, der Vermieter droht mit Rausschmiss. Hier kommen Menschen wie Angelika Sommer ins Spiel. Die Sozialpädagogin und ihre Kollegen nennen ihr Amt nicht „Obdachlosenhilfe“ sondern „Sozialpädagogischer Dienst für Wohnungsnotfälle“. Sie versuchen zu retten, was noch zu retten ist. „So können wir oft das Schlimmste verhindern. Wir zeigen Wege auf, helfen bei den oft komplizierten Anträgen und sprechen mit den Vermietern.“ Bei Wohnungsbaugesellschaften ist das noch relativ einfach. Bei Privatvermietern wird es schon deutlich schwieriger: „Wenn ich meine Eigentumswohnung durch die Mieteinnahmen abzahle, dann hab ich auch nicht viel Spielraum, das ist klar. Aber oft ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Finanzen beim Mieter wieder geregelt sind und letztendlich kommt das Warten von wenigen Wochen deutlich günstiger als die Räumungsklage.“

Immer mehr Menschen sind von Wohnungslosigkeit bedroht
Seit 2008, dem Jahr, in dem der Dienst des Erlanger Sozialamts ins Leben gerufen wurde, hat sich viel getan in der Hugenottenstadt. Notwohnungen wurden saniert und so ins Stadtbild integriert, dass gar nicht auffällt, dass hier jemand ohne Mietzahlung lebt. Der Zustand einer Wohnung und ihre Lage beeinflussen auch die Einstellung der Betroffenen und können Hoffnung und Kraft geben. Eine Motivation, die dringend notwendig ist, denn die Menschen können nicht bleiben. „Wir brauchen den Platz immer wieder für neue Fälle von Wohnungslosigkeit.“

Die Kinder sind die Zukunft – auf den Umgang mit ihnen kommt es an
Angelika Sommer und ihre Kollegen stehen ihren Schützlingen zur Seite, vermitteln die richtigen Ansprechpartner, helfen beim Bewältigen des Papierkriegs, sorgen für soziale Absicherung und erreichen so, dass viele Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen relativ schnell wieder Fuß in der Gesellschaft fassen können. „Uns ist vor allem wichtig, dass keine Kinder in den Notunterkünften landen.“ Ganz verhindern lässt sich das trotzdem nicht. „Natürlich sind auch Familien betroffen, die seit Generationen am Existenzminimum leben und wir konnten in den letzten Jahren häufiger beobachten, dass unsere Bemühungen hier fruchten. Die Kinder lernen, sich früher Hilfe zu holen. Sie merken, was es bedeutet, Stück für Stück unabhängiger von den Ämtern zu werden. Und stehen irgendwann dank unserer Beratung und Unterstützung hoffentlich auf eigenen Beinen.“

Auch kleine Gemeinden sind betroffen
Um sich noch besser zu vernetzen und gegenseitig von den Erfahrungen zu profitieren, wird auch Kontakt zu anderen Kommunen gehalten: Bamberg, Bayreuth, Nürnberg, Fürth – sie alle sitzen regelmäßig mit Erlangen am runden Tisch. Und auch andere Städte wie Forchheim zum Beispiel sind herzlich eingeladen, sich hier mit einzubringen. „Bedarf ist sicherlich da, denn auch in den kleinen Gemeinden gibt es Fälle von Wohnungsverlust und Obdachlosigkeit.“ Die Zahlen steigen nämlich. Was unter anderem an mangelndem bezahlbarem Wohnraum liegt. Aber auch daran, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, sich mit Minijobs über Wasser zu halten oder nur kurzfristige Arbeitsverträge zu unterschreiben. „Und dann bekommt man gar nicht erst eine Wohnung.“

Wenn das Öffnen des Briefkastens zur Seelenqual wird
Angelika Sommer bekommt die Not deutlich zu spüren. So mancher, der den Weg zu ihr ins Büro findet, ist bereits gezeichnet von Verzweiflung und Existenzangst. „Ich habe mich und meine Kinder mit drei Hilfsjobs über Wasser gehalten, der Vater zahlt nur ab und zu mal Unterhalt und ich wollte es immer alleine schaffen“, erzählt eine junge Mutter, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Aber dauernd kamen Rechnungen und irgendwann war ich nicht mehr in der Lage, den Briefkasten zu öffnen.“ Menschen wie diese junge Frau denken, es gibt keine Lösung mehr. „Aber“, so die Sozialpädagogin, „es gibt immer eine Lösung.“

Text: sb
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