Winterschlaf – alle Lebensfunktionen auf Sparflamme

IgelWas für eine schöne Vorstellung: Man futtert sich bis zum Herbst so richtig mit den leckersten Sachen voll ohne auf Kalorien oder BMI zu achten und sobald es draußen kalt und neblig wird, verschwindet man unter einer dicken (Blätter-)Bettdecke. Aus der man erst dann wieder auftaucht, wenn die ersten Frühlingsstrahlen den Boden erwärmen.

Nicht zu früh mit der Gartenarbeit anfangen
Nimmt man es allerdings ganz genau, dann ist der Winterschlaf gar kein richtiger Schlaf, in den die Tiere fallen. Der Zustand, in dem sie sich befinden, nennt sich Torpor. Und der wird durch unterschiedliche Faktoren ausgelöst: Körperfettgrenzen, Tageslichtdosis, hormonelle Reaktionen oder auch Temperatur. Eine Reaktion also, die nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer stattfinden kann – zum Beispiel bei extremen Dürreperioden. Das Prinzip aber bleibt das Gleiche: Die Gehirnströme verändern sich und der Stoffwechsel wird reduziert, um Energie zu sparen. Igel atmen dabei zum Beispiel statt 50-mal pro Minute nur noch ein- bis zweimal, ihr Herz schlägt nicht mehr 200-mal in der Minute, sondern nur noch fünfmal. Die Körpertemperatur sinkt auf wenige Grad. Das System ist also komplett runtergefahren.
Echte Winterschläfer rühren sich tage- oder wochenlang nur minimal. Denn jedes Aufwachen verbraucht eine Menge Energie. Die Tiere zu stören kann für sie tödlich sein. Also Vorsicht bitte bei den ersten Gartenaufräumarbeiten im Frühjahr. Denn es könnte sein, dass noch jemand schläft – unter einem Stein-, Blätter- oder Reisighaufen.

Winterschlaf, Winterruhe oder Winterstarre?
Allgemein unterscheidet man zwischen den echten Winterschläfern wie Igel, Fledermaus, Siebenschläfer oder Murmeltier, die ihre Körpertemperatur und alle anderen Körperfunktionen drastisch absenken und den Tieren, die Winterruhe halten. Dazu gehören der Dachs, das Eichhörnchen, der Feldhamster, der Waschbär oder auch der Braunbär. Sie alle senken die körpereigene Temperatur lang nicht so stark wie die Winterschläfer. Sie sind immer mal wieder richtig wach und suchen sich auch Nahrung. Der Maulwurf zum Beispiel legt sich eine Vorratskammer an, die er während des Winters wie einen gut gefüllten Kühlschrank nutzt. Je nach Außentemperatur und Nahrungsangebot passen die Winterruhe-Tiere ihre Ruhephasen an. Gibt es genügend Futter und warme Plätze – wie zum Beispiel in Zoos – verzichten die Winterruhenden auch mal ganz auf die Portion Extraschlaf.
Eine besondere Form des Winterschlafes ist die Winterstarre, in die Amphibien und Insekten verfallen. Sie verstecken sich in Ritzen oder kleinen Höhlen und wachen tatsächlich erst dann wieder auf, wenn es draußen wärmer wird. Eine Art Frostschutzmittel im Körper verhindert das Einfrieren der Körperflüssigkeiten. Wann die Tiere wieder aus Winterschlaf, Winterruhe oder Winterstarre erwachen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Der wohl entscheidendste ist die Wärme.

Der Mensch: Ruhe im Winter statt Winterruhe
Theoretisch hätte übrigens auch der lichtabhängige Mensch die Voraussetzungen, um in den Winterschlaf zu fallen. Kein Wunder also, dass wir tatsächlich in der dunklen Jahreszeit deutlich müder und weniger aktiv sind. Und ebenfalls kein Wunder, dass sich auch die NASA für dieses Thema interessiert und angeblich gerade viel Geld in die Erforschung einer reisetauglichen heruntergekühlten Version des Tiefschlafs steckt. Die Weltraumreisenden würden platzsparend festgeschnallt, intravenös ernährt und ihre Muskeln elektrisch stimuliert. Mit den festgeschnallten Schlafenden ließe sich eine Menge Platz und Gepäck sparen. Und nach rund 200 Tagen Tiefschlaf käme man tiefenentspannt auf dem Mars an – so die Argumente der Firmen, die sich mit so etwas beschäftigen.
Könnte man ja auch meinen, dass einer, der monatelang geschlafen hat, richtig ausgeschlafen ist. Doch weit gefehlt: Zu lange schlafen scheint die gleichen negativen Folgen zu haben wie zu wenig schlafen. Schon bei durchschnittlich mehr als neun Stunden Schlaf pro Nacht arbeiten die Gehirnzellen langsamer, steigt das Risiko für Diabetes, Demenz, Depression, Herzkrankheiten und sogar Unfruchtbarkeit.
Vielleicht sollten wir also doch lieber auf den Winterschlaf verzichten und es bei unserer persönlichen Winterruhe belassen: mehr Ruhe im Winter.

Text: sb
Bild: Helmut J. Salzer/pixelio.de