Uns ist ein Kindlein heut geboren

KindleinEs klingt so romantisch: Da sind Maria und Josef, da ist der Stall, in dem es warm ist und irgendwie auch heimelig, das Kindlein wird geboren und liegt sauber und entspannt in seiner Krippe. Wenn man bedenkt, dass Maria eine Erstgebärende war, dann ist das erstaunlich…

Hört man sich unter den Frauen heutzutage um, ist die seltenste Geschichte die von der schönen Geburt, der wichtigen Erfahrung, der Kraft der Natur, die man für sich nutzen konnte – stattdessen hört man Schauergeschichten von Gebärenden auf Klinikfluren, von solchen, die umringt sind von fremden Menschen in grünen Kitteln, von Schichtwechsel, Medikamenten und unnötigen Kaiserschnitten. Die wichtige Funktion einer Hebamme, das Vertrauensverhältnis, das die beste Voraussetzung für eine entspannte Geburt ist, drängt dabei immer mehr in den Hintergrund.

Hebammen nur noch Handlanger der Ärzte?
Zentralisierung ist das Zauberwort der Politik zu diesem Thema. Tausende Geburten im Jahr an einem Ort und Hebammen, die mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen. „Aber die Frauen haben dann ja auch schon neun Monate Maximalmedizin hinter sich, die sind dann ‚brav‘“, frotzelt Johanna Huber. „Durch diese Entwicklung werden die Schwangeren in eine schlimme Situation gedrängt, es fehlt ihnen immer häufiger das Vertrauen in sich selbst. Und wenn sie sich entscheiden, außerklinisch zu gebären, dann gibt es zahlreiche Auflagen, die das erschweren. Dabei ist die Schwangerschaft so eine gute Zeit, um das Hören auf die innere Stimme wieder zu trainieren.“
„Die Frauen sollen wissen, dass sie gebären können“
Johanna Huber ist Hebamme, arbeitet mit dem Team des erst in diesem Jahr eröffneten Geburtshaus Erlangen zusammen und hat bereits deutlich mehr als 1000 Geburten begleitet, darunter zahlreiche Hausgeburten. Selbst vierfache Mutter, wusste sie schon mit fünf Jahren, dass sie Geburtshelferin werden möchte. Heute ist sie unter anderem Lehrerin für Hebammen. „Ich sehe es als meine Aufgabe, die Geburtshilfe und damit auch das traditionelle Hebammenwissen zu bewahren, das viele der jungen Hebammen in den Kliniken gar nicht mehr vermittelt bekommen.“

„Landkarte der Unterversorgung“ wächst – auch in Mittelfranken
Deutschlandweit wird es immer schwieriger, eine Hebamme zu bekommen, die die Frau bereits vor der Geburt kennt, mit ihr die Geburt durchführt, als vertraute Person dauernd an ihrer Seite ist und das Baby auch in den ersten Wochen nach der Geburt versorgt. Grund ist zum einen das Geld, zum anderen mangelnde Wertschätzung. Schlechtbezahlte Rufbereitschaft Tag und Nacht, kaum übersehbare Arbeitszeiten und horrende Versicherungsbeiträge führen dazu, dass sich immer mehr Hebammen aus der Geburtshilfe zurückziehen. „Viele Hebammen geben auf. Wir können schließlich nicht das Geburtsrisiko einer ganzen Nation tragen. Wir haften, das muss man sich mal vorstellen, wenn die Versicherungssumme nicht reicht, dreißig Jahre mit unserem Privatvermögen“, erklärt Johanna Huber. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber die sogenannte „Landkarte der Unterversorgung“, die auf der Website des Deutschen Hebammenverbandes veröffentlicht wurde, zeigt deutlich, dass es Gegenden gibt, in denen die nächste Möglichkeit zu gebären, 50 Kilometer entfernt liegt. Von einer Wahlfreiheit zwischen Hausgeburt, Geburts- oder Krankenhaus ganz zu schweigen.

Fränkische Schweiz nicht optimal versorgt
Schwangere in der Gegend zwischen Erlangen und Forchheim haben da noch Glück: Die Geburtshausdichte ist relativ hoch, es gibt kleine Krankenhäuser, in denen man entbinden kann genauso wie Unikliniken. Die plakative Reisewarnung für Schwangere, die kürzlich eine Elterninitiative für Bayern herausgegeben hat, gilt für Mittelfranken also nicht. „Aber hinten raus in die fränkische Schweiz, da wird es trotzdem schon immer schwieriger.“

Früher, das wissen wir aus zahlreichen Filmen und Romanen, riefen die Hebammen immer zuerst nach sauberen Handtüchern und heißem Wasser. Was sie damals mit den Handtüchern gemacht haben, wissen wir nicht genau. Was sie heute damit machen, allerdings schon: Nach der kalten Dusche durch unsere Gesellschaft wird das Handtuch nämlich immer häufiger geschmissen.

sb
Bild: Christian v. R. / pixelio.de