Muss nur noch kurz die Welt retten – noch 148 Mails checken …

KatzeWir sind gestresst und immer in Eile, uns wächst alles über den Kopf und der Burnout droht – und kommt endlich das lang ersehnte Wochenende, geht es mit Freizeitstress weiter. Das einzige Gegenmittel, das uns einfällt, ist der langersehnte Urlaub. Und wehe, es regnet dann. Gesund ist so eine Lebensweise nicht, das wissen wir alle. Denn echter Stress reduziert nicht nur die Lebensqualität, er wirkt sich auf sämtlichen Ebenen negativ aus.

Wir sprechen davon, eine Auszeit zu brauchen und keine ruhige Minute mehr zu haben – und merken gar nicht, dass in diesen Worten bereits das Geheimnis liegt. Denn auch, wenn wir das Gefühl haben, in unserem Alltag ist kein bisschen Platz mehr: Das stimmt so nicht!
Die Zeit ist schnelllebiger geworden, keine Frage. Wir werden permanent mit Informationen überschüttet und es macht die meisten von uns fürchterlich nervös, wenn sie nur für wenige Minuten nichts zu tun haben. Wer schaut schon beim Busfahren noch aus dem Fenster, wer beobachtet in der U-Bahn seine Mitmenschen? Stattdessen wird das Smartphone aus der Tasche gezogen und die Zeit „genutzt“. Ein amerikanischer Sozialpsychologe bat einmal Studenten, sich eine Viertelstunde auf einen Stuhl in einen leeren Raum zu setzen und dabei NICHTS zu tun. Für die jungen Menschen eine Qual. Also bot er ihnen an, sich selbst Elektroschocks zu versetzen – und tatsächlich setzten sich zwei Drittel der Männer und immerhin noch ein Viertel der Frauen lieber unter Strom als nichts zu tun.

Dieser Versuchsaufbau zeigt, dass wir etwas verlernt haben, das für unser Gehirn aber ganz wichtig ist: der Blick ins Leere, das In-die-Ferne-Schweifen, das Starren von Löchern in die Luft, das Loslassen der Gedanken. Wir finden den Aus-Knopf nicht mehr und flüchten damit letztendlich auch vor uns selbst. Wir erlauben uns keine Tagträume mehr, kein, wie die Psychologen es nennen, „aufgabenunabhängiges Denken“.

„Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten, im Laufe des Tages einfach einmal für einen Moment rauszugehen aus der Welt“, erklärt Christiana Charalambous. Sie ist Yogalehrerin und somatische Bewegungspädagogin und weiß, wie wichtig es auch für den Körper ist, ab und zu zur Ruhe zu kommen. „Denn so schöpft er die Kraft, die er braucht. Jeder Stress, den wir haben – und den wir vielleicht auch selbst gar nicht mehr wahrnehmen, weil er schon so normal geworden ist – setzt sich im Körper fest. Zeigt sich zum Beispiel in Kopf- oder Rückenschmerzen. Umso wichtiger ist es, immer mal wieder für Momente der Tiefenentspannung zu sorgen. Und dazu braucht es keine speziellen Atemtechniken und auch keinen Yogakurs am Abend, da genügt es schon, ab und zu bewusst tief durchzuatmen.“ Und kleine Tricks zu nutzen, um dem Gehirn vorübergehend eine Auszeit zu geben, Momente der Stille zu schaffen und den Körper im wahrsten Sinne des Wortes zu entspannen:

• Unterwegs das Handy mal in der Tasche lassen und bewusst nichts tun, die Gedanken schweifen und damit loslassen.

• Sich einen Moment zurückziehen und die flache Hand unter den Nabel legen. Tief durch die Nase Luft holen, bis drei zählen und durch den Mund ausatmen. Ein paar Mal genügen schon, um das System zur Ruhe zu bringen.
• Einfach mal ans Fenster stellen und die Straße beobachten. In die Ferne schauen, den Wolken folgen.

• Den kleinen Umweg durch den Park nehmen.

• Wie ein Kind einem Käfer dabei zusehen, wie er im Gebüsch verschwindet, mal wieder an einer Blüte riechen oder den Sternenhimmel betrachten.

• Ein Tier streicheln oder einem Kind beim Spielen zusehen.

• Sich bewusst an etwas Schönes erinnern.

Während dieser Momente, in denen wir vermeintlich nichts tun, ist unser Gehirn produktiver als in all den anderen Momenten des Tages, das haben Forscher herausgefunden. Dieser Spaziergang in uns selbst, den wir nur dann machen können, wenn wir uns von dauerndem Input befreien, fördert nicht nur Regeneration, sondern auch Kreativität. Also können wir durchaus mit gutem Gewissen im Online-Zeitalter geistig mal offline gehen!

Text und Bild: sb