Geheimnisvoller Baumbewohner

MistelnNoch heute darf keine Mistel eine englische Kirche schmücken. Sie gilt als heidnisches Kraut und ist daher gefürchtet. Anno dazumal, wenn die Druiden in den frühen Morgenstunden mit goldenen Sicheln loszogen und hoch in die Bäume kletterten, dann waren sie auf der Jagd nach den heilenden Kräften der großen Kugeln, die sich um die Äste der Bäume zu schmiegen scheinen und die der Volksmund auch als Hexennest, Hexenbesen, Elfenblatt oder Drudenfuß bezeichnet. Schon damals wussten die Weisen um die Heilkraft der als magisch geltenden Pflanze. Im ersten Jahrhundert nach Christus zum Beispiel setzte man die Heilpflanze bevorzugt gegen Schwindel, Fallsucht und Epilepsie ein – wobei man allerdings damals noch davon ausging, dass die Mistel deswegen wirkt, weil ihre Zweige nie den Boden berühren und sie diese Eigenschaft auf die Patienten überträgt.

Mit der Mistel dem Krebs den Kampf ansagen
Inzwischen weiß man deutlich mehr über die heilsamen Inhaltsstoffe der gelbgrünen Pflanze. Sie wirken beruhigend, blutdrucksenkend, verdauungsfördernd, entzündungshemmend, harntreibend und krampflösend – sogar in der Krebstherapie hat man mit den Wirkstoffen der Mistelblätter und -zweige bereits erstaunliche Erfolge erzielt. Die in ihnen enthaltenen Lektine hemmen bestimmte Tumorzellen und stärken die Abwehrkräfte. Alten Büchern über Heilpflanzen kann man entnehmen, dass Zubereitungen aus der Mistel bei Depressionen, Schlaganfällen, Wurmerkrankungen, Menstruationsbeschwerden und Gallenleiden schon sehr früh zum Einsatz kamen.

Schon ihr Name verrät, wie sie verbreitet wird
Die Mistelbeere ist übrigens giftig, zumindest für uns Menschen. Vögel dagegen mögen die leicht nach Orange duftenden Blüten und weißlichen Beeren, die nach dem ersten Frost – laut Bund Naturschutz – einen süßen Erdbeergeschmack bekommen sollen. Und letztendlich ist es ja auch ihr Mist, der sich im Wort Mistel versteckt – denn durch den tragen sie die unverdaulichen Beerenbestandteile von Baum zu Baum. Unter anderem. Es gibt nämlich noch eine weitere Verbreitungsmöglichkeit: Die zähen, schleimigen Beeren lassen sich nicht so einfach fressen und der Samen bleibt immer wieder am Schnabel kleben. Der Vogel muss sich eine Rindenritze suchen und sein Anhängsel darin abstreifen. So kann ebenfalls eine neue Mistelkugel entstehen.
Misteln gibt es fast überall auf der Welt, über 400 Arten hat man bereits beobachtet. Besonders schön sehen Laubholzmisteln im Winter aus. Wie riesige hellgrüne Kugeln schmücken sie ihren Wirt. Wobei ein Radius von 80 Zentimetern und ein Alter von bis zu 70 Jahren nicht ungewöhnlich sind. Rein botanisch gehört die Pflanze übrigens zu der Familie der Sandelholzgewächse und ist ein sogenannter Halbschmarotzer, der mit seinen Saugwurzeln in das Holz seines Wirtes eindringt und ihm Wasser und Nährstoffe entzieht, seine Wachstumsnahrung aber mittels eigenem Blattgrün selbst herstellt.

Die Mistel und die ewige Liebe
Ein Brauch, der auch bei uns in Franken gang und gäbe ist, ist der Mistelzweig über der Haustür. Das soll vor Krankheiten, bösen Hexen und Feuersbrünsten schützen und es erlaubte einst sogar den einen oder anderen Kuss. War es normalerweise ein Heiratsversprechen, wenn ein Mädchen in der Öffentlichkeit geküsst wurde, so durfte der Mann sie – zumindest in England – unter dem Mistelzweig unbehelligt küssen. Pro Beere ein Kuss. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bei uns in Franken ging der Brauch ein wenig anders: Wer von seiner Angebeteten einen Kuss unter dem Mistelzweig ergatterte, hatte gute Chancen auf ewige Liebe. Eine Sitte, die sich auch heute wieder durchgesetzt hat.

Ein Handvoll ist erlaubt
Auch, wenn die Mistelkugeln eine tolle Deko sind: Einfach auf einen Baum klettern und sie raussägen – das darf man nicht. Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz ist es aber erlaubt, einen „Handstrauß“ für den eigenen Gebrauch dem Wald zu entnehmen. Rund um Forchheim breiten sich die Misteln gerade ziemlich aus. Sollten sie also bei uns im Staatswald, zum Beispiel nach einer Holzerntemaßnahme oder einem Sturm, am Boden liegen, dann darf man sie mit nach Hause nehmen.

Misteln kann man züchten
Die Mistel mag Bäume mit weicher Rinde. Pappeln und Apfelbäume zum Beispiel. Man kann sie also theoretisch auch im eigenen Garten züchten. Um sie „anzusäen“, zerdrückt man möglichst viele frische, reife Beeren und wickelt das Mus mit einer Mullbinde um einen Ast. Es dauert bis zu drei Jahre, bis ein Keimling wächst, und erst nach vier Jahren blüht die Mistel zum ersten Mal. Dreißig Zentimeter Durchmesser sind dann etwa nach fünf Jahren erreicht. Bedenken sollte man allerdings: Ihr Wirt, der Baum, kann dabei ziemliche Wachstumsschäden davontragen.

sb