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Die Grenze ist erreicht
Sieben Milliarden Menschen – das ist die Grenze, war der Gelehrte Johann Peter Süßmilch im 18. Jahrhundert sicher. Mehr Menschen, sagte er, würden nicht auf die Erde passen. Statistisch wurde Mensch Nummer sieben Milliarden Ende Oktober geboren – und das Wachstum geht weiter.
Vor mehr als 250 Jahren hat der preußische Gelehrte Johann Peter Süßmilch die Zahl der Menschen errechnet, die, seiner Ansicht nach, maximal auf der Erde leben könnten: sieben Milliarden. Damals wurde die These belächelt, jetzt kann sie überprüft werden: An diesem Montag ist das Kind geboren worden, mit dem die Men-schheit die Schwelle zu den sieben Milliarden überschreitet. Sie wächst weiter – und alle Probleme dazu.
Als Süßmilch 1741 seine Thesen veröffentlichte, lebten auf der Erde 700 Millionen Menschen. 63 Jahre später, schätzen Experten, war die erste Milliarde erreicht. Es dauerte 123 Jahre bis zur zweiten, 33 bis zur dritten und nur noch 14 Jahre bis zur vierten Milliarde. 13 Jahre später, 1987, wurde dann die fünfte und 1999 die sechste Milliardengrenze überschritten. Jede Minute kommen 150 Menschen dazu, im Jahr fast 80 Millionen – einmal Deutschland alle 365 Tage.
Würden auch alle so leben wie die Deutschen – so viel essen, so viel verbrauchen, so viel verschmutzen – hätte die Erde ihre Tragfähigkeit längst überschritten. Den Begriff hatte Süßmilch geprägt und die Frage beschäftigt seitdem die Experten: wie viele Menschen kann die Erde tragen?
In Deutschland ging als erstes die Bevölkerung zurück
„Die Menschheit hat das Problem bisher besser gemanagt, als viele früher dachten”, sagt John Bongaarts von der New Yorker Denkfabrik Population Council. Denn noch vor 30 Jahren gingen viele bei sieben Milliarden Menschen vom sicheren Kollaps der Erde aus. „Aber trotzdem gibt es klare Zeichen, dass die Umwelt mit der jetzigen Einwohnerzahl überlastet ist”, sagt der Forscher. „Wir könnten noch mehr Menschen ernähren, aber nur, wenn wir noch mehr Natur verbrauchen. Und das würde zwangsläufig in den Untergang führen.”
Doch die Entwicklung ist höchst unterschiedlich. Deutschland war 1972 das erste Industrieland, in dem die Statistiker überrascht feststellten: Die Bevölkerung geht zurück. Heute rechnen Forscher damit, dass es in 50 Jahren 17 Millionen Deutsche weniger geben wird – ein Minus von mehr als einem Fünftel. Gerade den Osten werde es treffen, Sachsen-Anhalt muss gar mit einem Bevölkerungsschwund von 42 Prozent rechnen. Beamte sprechen schon von „Entleerungsgebieten”.
Anderswo explodiert die Bevölkerungszahl ungebremst. „In einigen Ländern sind Kinder immer noch Statussymbole, selbst wenn man sie gar nicht ernähren, geschweige denn bilden kann”, sagt Ute Stallmeister von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Deshalb bekämen gerade in armen Ländern Frauen oft sechs, acht oder gar zehn Kinder. „In Somalia sind es im Schnitt 6,4 Kinder pro Frau. Wenn sich das nicht ändert, ist die nächste Hungerkatastrophe sicher.”
Biokraftstoff ist für die Menschen in der Dritten Welt eine Katastrophe
Dabei kann der Planet seine Kinder eigentlich ernähren, glaubt Joel Cohen. „Wir könnten sogar neun, zehn, elf Milliarden Menschen satt machen. Das Getreide ist da, schon heute”, sagt der Professor der New Yorker Rockefeller-Universität. Aber: „Nur 46 Prozent wird gegessen. 34 Prozent wird an Tiere verfüttert, der Rest ist Biosprit und Schmierstoff.” Eine Milliarde Menschen habe ständig Hunger. „Kein Wunder, wenn wir mehr als die Hälfte unserer Nahrungsmittel lieber an Vieh und Maschinen als an Menschen verfüttern.”
Der Biokraftstoff treibe die Preise, rechnet auch Bongaarts vor. „Für uns in den USA oder Deutschland mag das ärgerlich sein. Für Menschen in der Dritten Welt aber ist das eine Katastrophe.”
Bisher ging noch jede Prognose, wann es zu viele Menschen gebe, daneben. Bei Süßmilch waren es Theologen, die eine Milliarde für Unsinn hielten: Für die Auferstehung solcher Massen seien die himmlischen Gefilde gar nicht ausgelegt. Später waren es vor allem Nahrungsmittel, die als Limit herhalten mussten. Doch bis jetzt hat die Menschheit immer noch rechtzeitig eine Ertragssteigerung geschafft – wenn auch oft auf Kosten der Umwelt. Die Experten sind sich einig, dass Hunger zwar zunächst ein politisches und kein Agrarproblem ist. Doch Hilfe gebe es nur durch Geburtenkontrolle.
Biete Auto gegen Sterilisation
Beispiele wie die in China verordnete Ein-Kind-Ehe werden genannt, doch von Zwang möchte niemand sprechen. Immerhin: Peking hat die Bevölkerungsexplosion zumindest einigermaßen in den Griff bekommen. Im Gegensatz zum zweiten Milliardenvolk: Indien, glauben Statistiker, wird China in zehn Jahren als bevölkerungsreichstes Land ablösen.
„Ein Drittel der Inder sind unter 15. Die bekommen alle noch ihre Kinder. Die Regierung ist deshalb extrem aktiv”, sagt Stallmeister. „Mit einigen guten Ideen, aber auch Druck.” So können Inder ein Auto gewinnen, wenn sie sich sterilisieren lassen. „Von Freiwilligkeit kann da kaum die Rede sein.” Die Stiftung wirbt, nicht nur in Indien, für Aufklärung und freiwillige Geburtenkontrolle. „Weltweit sind ein Drittel der Geburten ungewollt. Wenn wir das in den Griff bekommen, wäre das Problem Überbevölkerung im Wesentlichen gelöst.”
Die Vereinten Nationen gehen heute von 9,2 Milliarden Menschen im Jahr 2050 aus. Und die werden immer älter: Eine Lebenserwartung von 100 Jahren halten viele Wissenschaftler bis 2100 für möglich.
Ein Grund mehr, mit Geburtenkontrolle ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. „Wir rechnen mit 215 Millionen Frauen, die verhüten wollen, aber nicht das Material oder das Wissen haben”, sagt Cohen. Das Problem könne mit 6,7 Milliarden Dollar gelöst werden. „Das klingt nach viel”, sagt der Professor. „Aber solange die Amerikaner – wie kürzlich wieder – 6,9 Milliarden nur für Halloween ausgaben, ist das doch gar nicht so viel für die Lösung eines Weltproblems.”
Chris Melzer, Foto: © PDU – Fotolia.com














