Barfuß – natürlich laufen lernen

BarfußDas Problem, mit dem der Äthiopier Abebe Bikila 1960 bei den olympischen Spielen kämpfte, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Die Lösung aber ist top-modern: Seine Schuhe waren durchgelaufen und weil sich auf die Schnelle kein passender Ersatz finden ließ, lief er barfuß – wie zuhause auch – und gewann Gold in Weltrekordzeit.

Schuhe machen es dem Fuß zu einfach
Auch, wenn man in Nordamerika Schuhe gefunden hat, die man auf 8.300 vor Christus datiert und die Wissenschaft vermutet, dass man bereits bei der Besiedelung Eurasiens vor circa 50.000 Jahren schon Schuhe getragen hat, so dienten diese lediglich dem Schutz vor Hitze und Kälte. Die Schuhe, wie wir sie kennen, tragen wir erst seit einem Wimpernschlag der Evolution – seit wenigen hundert Jahren. Viele der kleinen und kleinsten Fußmuskeln werden dadurch kaum noch trainiert. Sie bilden sich zurück, Bänder und Sehnen verkürzen sich. Wer versucht, seine großen Zehen nach oben zu bewegen und die vier kleinen dabei liegen zu lassen, wird schnell merken, was gemeint ist. Die Mobilität unseres Fußes ist in der Regel stark eingeschränkt.

Barfußlaufen verringert die Gefahr von Rückenproblemen
Das Gehen ist ein komplexer Bewegungsablauf. Aber es ist auch etwas sehr Individuelles und Teil unserer Körpersprache. Unsere Füße sind dabei das Fundament, wobei viele Fußdeformationen mit dem falschen Schuhwerk zusammenhängen: zu eng, zu hoch, zu spitz. Ein schiefer großer Zeh kann zu einem schiefen Knie führen und das wiederum kann sich auf das Becken und auf die Wirbelsäule auswirken. Beim Barfußlaufen müssen die Füße durch den direkten Kontakt zum Boden mehr leisten und der Körper spürt Fehlhaltungen früher.
Vor allem Kinder sollten möglichst viel barfuß gehen, um ihre Fußmuskulatur zu kräftigen und die korrekte Zehenstellung beizubehalten. Das verringert das Risiko von Beschwerden und Spätschäden. Ein Fuß-Sensorik-Training bei Grundschulkindern zum Beispiel hat nachweisbare Verbesserungen in der Gesamtkörperkoordination bewirkt. Aber Kinder schmeißen sowieso gerne ihre Schuhe von den Füßen. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen. Weil es sich nicht gehört, weil man seine eigenen Füße nicht wirklich attraktiv findet, weil es sich so komisch ungewohnt anfühlt oder sich zusätzliche Hornhaut bilden könnte – Gründe gegen das Barfußlaufen gibt es viele. Aber auch umso mehr dafür. Orthopäden empfehlen es dringend: Denn gerade weiche Böden wie Wiesen oder Waldboden sind eine Wohltat für die Füße und die automatische Reflexzonenmassage wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Auch auf die inneren Organe. Es stärkt – gerade in Kombination mit kaltem Wasser wie beim Kneippen – die Abwehrkräfte und bringt das gesamte System in Schwung. Ältere Menschen können durch gelegentliches Barfußlaufen sogar ihr Sturzrisiko verringern.

Barfußparks greifen diese Thematik spielerisch auf und trainieren den oft schon abgestumpften Tastsinn. Man läuft über verschiedene Untergründe, spürt den Unterschied zwischen Lehm und Waldboden, zwischen Steinen und abgerundetem Glas.

Flip Flops sind kein Flop
Barfußlaufen liegt absolut im Trend. Doch auch hier gilt die Regel, dass von null auf hundert nicht gut ist für den Körper. Langsam anfangen und sich steigern, den Fuß fordern, aber nicht überfordern und auf natürlichen, weichen Böden wie Rasen oder Sand beginnen. Und wer keine Lust hat auf Barfußlaufen, der sollte zumindest immer wieder mal die Schuhe wechseln. Denn das gibt dem Fuß neue Reize – jeder kennt das Gefühl von den Winter- auf die Sommerschuhe umzusteigen und die ersten fünf Minuten wie auf Eiern zu laufen.
Apropos Sommerschuhe: Flipflops haben den Ruf, nicht gut für die Füße zu sein. Doch das stimmt so nicht. Sie müssen nur gut passen, damit der Fuß sich nicht dauernd am Schuh festkrallen muss. Ansonsten kommen gute Flipflops den jetzt so modernen ganz flachen Barfußschuhen – die es auch in geschlossenen Varianten gibt – sehr nahe. Und sie bieten die Möglichkeit, sie schnellstmöglich vom Fuß zu streifen und doch mal kurz auf der Wiese zu laufen – wenn keiner hinsieht.

sb
Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de