Auf dem Weg ins Industriezeitalter

Auf dem Weg ins Industriezeitalter

Ausstellung im Stadtmuseum Erlangen

Mit der Industrialisierung vollzog sich ein epochaler Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Das Maschinenzeitalter brachte nicht nur eine Vielzahl technischer Neuerungen wie die Dampfmaschine, die Eisenbahn und das Telefon, sondern auch tiefgreifende Veränderungen in der Produktionsweise, im Verkehrswesen sowie in den Lebensbedingungen der Menschen.

Die Ausstellung zeichnet diese Entwicklungen unter einer stadtgeschichtlichen Perspektive nach. Der einführende Überblick macht deutlich, dass der Weg Erlangens ins Industriezeitalter mit dem Niedergang traditioneller Gewerbe begann und dass die Stadt auch während des Kaiserreichs keine reine Industriestadt war, sondern durch die Universität und Garnison mitgeprägt wurde.

Weitere Schwerpunkte sind der Kanal- und Eisenbahnbau, der Aufschwung der Brauereien, die Geschichte der ersten großen Fabriken und die Entstehung der Stadtwerke. Ein eigener Ausstellungsbereich ist der Arbeiterschaft und den Anfängen der Arbeiterbewegung gewidmet. Am Ende steht ein Blick auf die heutige Erlanger Industrie. Zu den herausragenden Exponaten zählen das Modell einer Dampflok der K. Bay. Staatsbahnen, der Tresor der Erichbrauerei und ein vollständiger Röntgenapparat von RGS.

Eisenbahnbau
Die Eisenbahn gab der Industrialisierung entscheidende Anstöße. Sie erschloss neue Rohstoff- und Absatzmärkte und sicherte den Transport von Konsumgütern in die wachsenden Städte. Ihr Bedarf an Schienen, Lokomotiven und Eisenbahnwagen führte zum raschen Aufschwung der eisenerzeugenden und metallverarbeitenden Industrie. Zwar gab es in Erlangen kein Unternehmen, das von den Aufträgen der Bahn profitieren konnte, doch brachte der frühe Eisenbahnanschluss große Vorteile. Die Stadt lag an der Ludwigs-Süd-Nordbahn, deren erste Teilstrecke zwischen Nürnberg und Bamberg schon 1844 eröffnet wurde. Mit dem weiteren Ausbau der Linie konnte 1851 der durchgehende Verkehr München– Berlin aufgenommen werden. Die Anbindung an das Bahnnetz ermöglichte den Aufschwung der Exportbrauereien, die den Ruf Erlangens als Bierstadt begründeten.

Fabriken
Um 1850 waren viele der einst blühenden Erlanger Manufakturen längst erloschen. Die Strumpfwirkerei, früher das Hauptgewerbe der Stadt, verfiel, weil sie den Anschluss an den technischen Fortschritt verloren hatte. So war das erste Großunternehmen, das Dampfkraft und modernste Arbeitsmaschinen anwendete, eine Neugründung – die Mechanische Baumwollspinnerei AG, die 1862 nahe der Eisenbahn errichtet wurde.

In den folgenden Jahrzehnten gingen weitere Unternehmen zur industriellen Produktionsweise über, sodass 1907 bereits ein Drittel aller gewerblich Beschäftigten in Großbetrieben arbeitete. Das innovativste von ihnen war die elektrotechnische Fabrik von Reiniger, Gebbert und Schall. Hervorgegangen aus einer kleinen mechanischen Werkstatt, konnte RGS im Bereich der Medizintechnik schon damals weltweiten Absatz erzielen.

Gas, Wasser, Strom
Städtisches Leben ist heute ohne das weitverzweigte unterirdische Rohr- und Kabelnetz zur Energie- und Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und Telekommunikation nicht mehr denkbar. In vorindustrieller Zeit bezogen die Einwohner dagegen das Trinkwasser noch aus öffentlichen oder privaten Brunnen, während das Abwasser durch Straßenrinnen beseitigt wurde. Öllaternen waren damals die einzige öffentliche Beleuchtung.

Das Einwohnerwachstum sowie die neu errichteten Fabriken, Universitätsinstitute und Kasernen machten Investitionen in die städtische Infrastruktur unumgänglich. Nach Errichtung des Gaswerks (1858) erfolgte unter Bürgermeister Schuh die grundlegende Modernisierung der Stadt (Kanalisation 1882, Schlachthof 1890, zentrale Wasserleitung 1891). Die öffentliche Stromversorgung begann 1902 mit Eröffnung des E-Werks.

Arbeiterbewegung
Die Ausbreitung industrieller Arbeitsverhältnisse schuf auch die Basis für die Erlanger Arbeiterbewegung, die ab 1870/90 in Gewerkschaften und SPD selbstbewusst für materielle Sicherheit und soziale Akzeptanz kämpfte. Mit Sport- und Gesangvereinen, Konsum- und Baugenossenschaften, der „Freiwilligen Sanitätskolonne“ und dem „Weiblichen Bildungsverein“ bildete sich eine von Solidarität und Selbsthilfe geprägte Arbeiterkultur. Das Zentrum der Bewegung lag im Neubauviertel des „Stubenloh“ zwischen Wald- und Ringstraße.

Frühe Erfolge waren die Etablierung der städtischen Arbeitslosen- und Krankenfür-sorge, der Bau der Konsum-Zentrale und die städtische Beteiligung an Bauvorhaben der Baugenossenschaft, zudem 1908 die ersten Sitze für die SPD im Stadtrat. Der auf Integration bedachte Reformkurs gewann die Oberhand über den Klassenkampf.

Text, Bild: Stadtmuseum Erlangen, Baumwollspinnerei um 1900.

Stadtmuseum Erlangen,
Martin-Luther-Platz 9, 91054 Erlangen,
Telefon 0 91 31 / 86 24 08 – Anmeldung, stadtmuseum@stadt.erlangen.de
www.erlangen.de/stadtmuseum